We are specialized!

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Montag, 22. August 2016

SKS-Marathon „Rund um den Zierenberg“: Der „Minutenkampf“

Das richtige Rennfeeling steht und fällt bei mir im Grunde mit der Vorbelastung – dem letzten Training am Vortag des Rennens. Entgegen aller Traditionen absolvierte ich die Vorbelastung vor dem Race in Zierenberg auf dem Mountainbike und nicht auf dem Rennrad. Denn da ich den Marathon in Zierenberg ohnehin aus dem Training heraus fahren wollte, war geplant, noch ein paar neue Trails zu entdecken. Doch diesen Plan verhinderte ein milchiges Unglück: Beim ersten Antritt zum zweiten Intervall spürte ich etwas Nasses auf der Haut. Regen? Nein  - Milch, die in hohem Bogen aus meinem Hinterreifen schoss. Das sonst so verlässliche Tubeless-System macht sich bei mir so langsam immer unbeliebter. Das Loch schloss sich leider nicht von selbst, so dass das Training vorzeitig beendet werden musste. Wie soll also nun mit so einer schlechten Vorbelastung das morgige Rennen gut verlaufen?
 
Raceday: Obwohl Zierenberg geographisch per Luftlinie nicht allzu weit von meinem Heimatort entfernt liegt, häuften sich bedingt durch die vielen kurvigen Landstraßen und Umleitungen sowohl die Fahrtzeit als auch die gefahrenen Kilometer. Da wir allerdings einen großzügigen Zeitpuffer eingeplant hatten, waren wir rechtzeitig am Ort des Geschehens.
Beim Warmfahren stellte sich trotz der nicht gelungenen Vortags-Vorbelastung ein gutes Rennfeeling ein. Die Beine waren gut und die in der letzten Woche noch einmal aerodynamisch optimierte Rennkleidung saß perfekt.
Das Starterfeld war groß, der Startbereich eng. Ich kam nach dem Startschuss irgendwie nicht so problemlos in meine Klickpedale und wäre fast von hinten abgeräumt worden. Nach diesem kleinen Patzer versuchte ich mich hinter dem führenden Feld zu halten und nach vorne abzusetzen. Am ersten Berg behauptete ich noch die Führung im Damenfeld, spürte die Konkurrenz aber dicht – oder eher sehr dicht – hinter mir. In der ersten Abfahrt wurde ich dann von einer Konkurrentin überholt, ich hielt mich aber dahinter. Es folgte eine lange, flache, geschotterte Drückerpassage. Eigentlich nicht so mein Ding. Kurze Überlegung: Im Windschatten bleiben oder versuchen mich nach vorne abzusetzen? Ich entschied mich für letzteres, was aber vielleicht nicht die beste Lösung war. Denn am nächsten Berg hatte ich nach dieser Attacke so viel Laktat in den Beinen, dass ich das Tempo nicht halten konnte. Die andere Dame fuhr wieder ran. Und überholte. Am steilen Anstieg trennte uns dann eine langsamere Gruppe. Durch die Enge des Trails schaffte ich keinen Überholvorgang mehr, was einiges an Zeit kostete.
Ich verschärfte daraufhin das Tempo noch einmal – obwohl ich eigentlich schon am Limit war – um wieder aufzuholen. In der Feedzone bekam ich die Rückmeldung, dass ich rund eine Minute Rückstand habe. Klingt erst einmal wenig, doch eine Minute kann ganz schön viel sein. Durch mein Tempo kam ich kaum zum Trinken und warf auch mein ausgearbeitetes Verpflegungskonzept über Bord. Bäume, Trails, Schotterpisten – alles rauschte nur so an mir vorbei. Doch leider war ich am Ende nicht schnell genug. Im Ziel verzeichnete die Uhr 1 Minute und 20 Sekunden Rückstand auf die Siegerin. So konnte ich mich dann über einen zweiten Platz in meiner Altersklasse und den 2. Platz Gesamt freuen.
 
 
 
 
 
 
Noch viel mehr freute ich mich allerdings mit meinem Lieblingsmenschen, der sich den Gesamtsieg sicherte.
 
 
 
Im Nachhinein betrachtet, hätte ich mit mehr Taktik fahren sollen. Keine frühe Attacke, sondern stattdessen lieber den Windschatten nutzen. Aber man lernt ja aus jedem Rennen und hinterher ist man immer schlauer! Zierenberg ist seit Jahren ein festes Event in meinem Rennkalender und ich freue mich in jedem Jahr wieder auf das Rennen. In diesem Jahr wurde die Strecke komplett geändert, was das Rennen in meinen Augen noch attraktiver macht- mehr Trails und eine gleichmäßigere Verteilung der Anstiege und Abfahrten. Fazit: Super Veranstaltung, tolle Organisation und leckerer Kuchen.
 
Das nächste Wochenende wird noch einmal rennfrei sein, bevor es dann in den rennintensiven September geht. Dass die Saison schon wieder in den letzten Zügen ist, will ich noch gar nicht so wirklich glauben.
 
In diesem Sinne:
Keep on riding,
Vanessa
 
 
Zitate des Tages:
„Da schießt einem direkt das Laktat in die Knochen.“
„Man bedenke die Routenwahl.“
„Bin heute nicht gefahren, weil ich wollte euch auch eine Chance lassen.“
„Mit Einteiler und Aero-Helm wäre es der Sieg gewesen.“
„Die Straßen hier sind so schlecht, da sind ja bei uns die Radwege besser.“

  
 

 

Montag, 15. August 2016

Sigma-Marathon in Neustadt: Wenn ein Deutscher Meister nach der Dusche fragt…

Wenn gleich ich mit dem Sommer 2016 bedingt durch den ersten Nachtfrost letzte Woche sowie dem Training in Winterkleidung eigentlich bereits abgeschlossen hatte, freute ich mich umso mehr über das Cape-Epic-Feeling beim Marathon in Neustadt an der Weinstraße. Diese Region ist meteorlogisch durch seine Nähe zum Rhein ohnehin begünstigt und immer um einige Grad wärmer. Beim Wettkampf am Sonntag waren die Bedingungen wirklich vergleichbar mit Südafrika: Sonne vom strahlendblauen Himmel, die Suche nach einem Fleckchen Schatten im Startblock, staubtrockene sandige Strecken, flimmernde Landschaften am Horizont und ein enormer Flüssigkeitsbedarf.
 
 
Flüssigkeitsbedarf – ein gutes Stichwort: Direkt nach dem Massenstart auf der ersten holprigen Kopfsteinpflasterpassage verlor ich meine Trinkflasche. Das ist mir noch nie passiert. Eigentlich bin ich in der Tat so perfektionistisch und teste im Training  jede neue Flasche auf ihre Tauglichkeit. Diesmal leider nicht, was mir somit gleich zum Verhängnis wurde. Dieses Desaster – denn bei 40 Grad und stechender Sonne – kann man bei diesem Verlust von einem Desaster sprechen, brachte mich leicht aus dem Takt. Zudem ging es gleich in den ersten steilen Anstieg. Bei Kilometer 17 war die erste Verpflegung angesetzt. Bis dahin bin ich bei der Hitze dehydriert! Wie eine Fata Morgana tauchte dann aber am Gipfel des ersten Anstiegs die Feedzone eines anderen Teams auf und ich fragte schnell, ob sie eine Flasche übrig haben. Zum Glück ja und die Flasche beinhaltete sogar Wasser und kein fremdes Pulver. Noch einmal gerettet. Tatsächlich führte ich auch zu diesem Zeitpunkt das Damenfeld noch an.
Insgesamt fiel mir das Rennen vom eigenen Empfinden her etwas schwer. Nach einer Rennpause habe ich zunächst immer Probleme wieder in den fokussierten Rennmodus zu finden. Die Hitze raubte mir zudem viele Kräfte. Die Strecke hielt viele technisch anspruchsvolle und fordernde Trails bereit. Diese verlangten volle Konzentration und Fahrtechnik – denn teilweise waren die Trails so angelegt, dass ein Verbremser oder falsches Lenken zum Absturz geführt hätten.
Bei Kilometer 10 stellte mich eine Konkurrentin und ich verlor meine Führung. Ich versuchte die Lücke wieder zuzufahren, jedoch hätte ich dafür bergab zu viel riskieren müssen. Als es dann in einen steilen und steinigen Anstieg ging, der zur Schiebepassage wurde, war ich dem Aufgeben näher als dem Weiterfahren. Mental war ich heute leider nicht sehr stark. Doch dann mobilisierte ich noch einmal alle Kräfte und meinen Kämpferwillen, um wenigstens den zweiten Platz zu halten.
Dies gelang mir dann auch, jedoch nur in meiner Altersklasse. Denn kurz vor dem Ziel überholte mich noch einen Seniorin. Die letzte Abfahrt durch die Weinberge war extrem holprig und ich spürte meine Handgelenke kaum noch. So entfiel ein Zielsprint und ich fuhr mit rund 30 Sekunden Rückstand über die Ziellinie als Zweite meiner Altersklasse und Dritte Gesamt.
 
Da ich durch die Gesamtbedingungen und die Startproblematik mit verlorener Verpflegung niemals mit so einem Ausgang gerechnet hatte, war ich mehr als zufrieden.
 
Die Zeit bis zur Siegerehrung verbrachten wir dann mit dem Auffüllen der Kohlenhydratspeicher, einer Erfrischung am Brunnen und dem Plausch mit dem Deutschen Meister Karl Platt, der die Langdistanz überlegen gewonnen hatte. Er fragte uns nach dem Weg zur Dusche und hatte so gleich als Local noch ein paar Tipps für Strecken in der Region. Warum Karl beim Cape Epic immer so erfolgreich ist, konnten wir angesichts des heutigen Rennens und den regionalen Bedingen sehr gut nachvollziehen.
 
 
 
 
 
Fazit: Der Marathon in Neustadt ist ein schönes Rennen mit toller Location und perfekter Organisation. Die Strecke ist sehr anspruchsvoll und fordernd, die Trails sind einmalig. Einer der trail-lastigsten und härtesten Marathons in Deutschland. Ich werde sicher in den nächsten Jahren wieder an der Startlinie stehen.
 
In diesem Sinne:
Keep on riding,
Vanessa
Zitate des Tages:
„Ist dir eigentlich aufgefallen, dass die Strecke komplett in einem kleinen Waldstück verlief?
                „Ähm nee.“
 „Und wieder ein VIP-Parkplatz.“
„Das war so hart. Das war sooo hart. Lass´ mich sterben.“
„Die Trails waren nicht am, sondern über dem Limit. Einmal verbremst und du bist weg!“
„Unfahrbar – oder was?“
„Ich glaube, wenn ich das Schlussmotorrad im Nacken hätte, würde ich vor Scham lieber dezent irgendwo ins Gebüsch kippen.“
 

Dienstag, 9. August 2016

Perspektivwechsel: Von Fahrerfrauen, Vizehessenmeistern und Verpflegungszonen.

Hessenmeisterschaft im Cross-Country -  ist das auch was für mich mitten in der Marathonvorbereitung? Ich wägte es im Vorfeld kurz ab, entschied mich dann aber doch gegen eine Teilnahme und für einen Perspektivwechsel in das Lager der Fahrerfrauen und Betreuer. Ort des Geschehens war die beschauliche Kurstadt Bad Salzhausen. Bereits bei der Einfahrt in das Städtchen fiel uns ein Hinweisschild mit den Lettern „Bitte langsam/Bitte Ruhe – Kurstadt“ ins Auge. Die Fläche des Kurparks war dann schließlich sogar größer als manche Kleinstadt. Diese Tatsache sorgte dafür, dass sich viele Fahrer den Weg durch unzählige Scharen von Rentnern bahnten und im Kurpark einen schattigen Parkplatz unter den hohen Bäumen ergatterten. So auch wir. Naja im Grunde genommen waren die Vorreiter, die anderen Nachahmer. Der Parkplatz erwies sich dann als Glückgriff. Denn entgegen unserer Annahme war der Start über eine Stunde später als eingeplant, sodass wir die Wartezeit gemütlich im Schatten des Grünzeugs verbringen konnten. Des Weiteren war natürlich auch noch genügend Zeit, um die verschiedenen kulinarischen Köstlichkeiten durchzuprobieren.




Ich war mir meiner neuen Aufgabe als Fahrerfrau durchaus bewusst und ging vorher die Strecke ab, um mir einen geeigneten Standpunkt für die Verpflegung zu sichern. Diesen verteidigte ich bis zum Startschuss erfolgreich gegen andere Fahrerfrauen und Betreuer.


Zum Verlauf des Rennens konnte ich exklusiv und brandaktuell den Vizehessenmeister für einen Gastbeitrag gewinnen! Aber lest selbst:

„Grelles Neonlicht, eine Infusionsnadel im Arm und ein EKG am Herz. Wo bin ich? Was mache ich hier? Ich bin Leistungssportler, hier gehöre ich nicht hin! Dies waren meine ersten Gedanken, als ich im Krankenhaus die Situation begriff. Mit meinem Saisonhöhepunkt - der Deutschen Meisterschaften im Cross Country - vor Augen, hatte ich es im Training wohl etwas übertrieben. Der erste Horrorverdacht einer Herzmuskelentzündung konnte nach zwei Tagen stationärem Aufenthalt und zahlreichen Blutuntersuchungen zum Glück nicht bestätigt werden. Es folgten mangels genauer Diagnose jedoch zwei harte Wochen Trainingsentzug.

Vier Wochen später: Ich liege im Kurpark in Bad Salzhausen. Doch nicht etwa zur Reha. Sondern viel mehr fällt in zwei Stunden der Startschuss zu meinem Comeback. Das dies zufällig die Hessischen Meisterschaften mit starker Konkurrenz sind - da hatte ich keine Wahl. Dies lässt meinen Puls und meine Nervosität schon im Vorfeld ansteigen. Ohne große Erwartungen ging ich in das Rennen. Als meine Betreuerin mir zur Rennmitte zurief 'DU bist an zweiter Position!' war ich mir sicher, sie wollte mich nur motivieren und hatte keinen Plan, wo ich mich im Feld befand. Dies blieb so bis Rennende und nach einiger Zeit (es wurde beim Überfahren der Ziellinie weder angesagt noch gewürdigt), dass ich Vizelandesmeister in meiner Altersklasse geworden bin. Es lässt sich festhalten, dass es dem Sportlerkörper auch mal gut tut, eine Ruhepause einzulegen, um dann wieder voll angreifen zu können.
Marian Kopfer, Vizelandesmeister

Danke für diesen Einblick und Glückwunsch zum Titel!

 

Nächstes Wochenende werde ich beim Marathon in Neustadt übrigens auch wieder ins Renngeschehen eingreifen.

Bis dahin: Keep on riding,
Vanessa

Zitate des Tages:

„Jeder, der eine Fahrerfrau hat, hat sie heute mitgebracht.“

„Hallo? Du bist Vizehessenmeister! Freu´ dich doch mal ein bisschen.“

„Die sind am Start so krass losgesprintet, ich dachte am ersten Berg wäre schon das Ziel.“


  
 
 

Freitag, 22. Juli 2016

Ars Natura Marathon Neumorschen - das Knock-out

Nachdem ich im letzten Jahr beim Ars-Natura Marathon in Neumorschen das schicke Sieger-Trikot gewinnen konnte, freute ich mich auch in diesem Jahr auf den Marathon.
Wann immer ich davon sprach wurde ich mit zwei Fragen konfrontiert: Was ist denn Ars-Natura? Das klingt ja wie eine Bio Marke. Und: Wo ist denn bloß Neumorschen?

Nach eingehender Recherche konnte ich die erste Frage relativ simpel beantworten: Die Rennstrecke führt vereinzelt über den Ars-Natura Wanderweg, der dem Marathon seinen Namen gab. Wieso genau der Wanderweg jetzt diesen Namen trägt, ist nicht überliefert. Geografisch gesehen liegt Neumorschen als Ortsteil Morschens neben Altmorschen, zwei beschaulichen kleinen Örtchen nahe der A7. Schon bei meinem ersten Besuch ist mir die imposante ICE-Brücke aufgefallen, die quasi direkt hinter dem Sportplatz liegt, der auch heute als Start- und Zielpunkt fungiert.

Da wir den Weg einwandfrei fanden waren wir pünktlich wie immer am Wettkampfort, früh wie immer an der Nennstelle und (Achtung, Änderung!) früh beim Warmfahren unterwegs. Richtig, ich habe mich warmgefahren und zwar 25 Minuten lang, 10 Mal eine lockere Schleife durch den Ort. So fiel mir auch bereits vor dem Rennen auf, das mit meiner Lenkung irgendetwas nicht in Ordnung war. Die seichten Kurven die ich fahren wollte wurden kantig und die Lenkung stockte in der Bewegung. Zurück bei meinem Lieblingsmenschen untersuchten wir das Problem. Symptomatisch zeigte mein Lenker eine deutlich verlangsamte Drehung, weiterhin wurde ein Schwellenpunkt festgestellt, der bei der Lenkbewegung mit Kraftaufwand überwunden werden musste. Zur nachfolgenden Diagnose zogen wir den anwesenden Mechaniker eines nahen Radladens hinzu, der mir versicherte, dass sich dieses Problem nicht in den noch vorhandenen 10 Minuten bis zum Start beheben lassen würde. Vielmehr wäre eine eingehende Therapie für die Lager notwendig. Die Diagnose schockte mich und ich drohte in Panik zu verfallen. Nach eingehender Beratung mit meinem Therapeuten, äh Lieblingsmensch, entschloss ich mich, trotzdem an den Start zu gehen. Schlimmer werden konnte es ja eigentlich nicht mehr.

Trotzdem war ich sehr verunsichert und nervös als ich mich im vorderen Drittel des Startblocks einfand. Der Moderator erklärte den versammelten Sportlern noch einmal, dass die Strecke im Vergleich zum letzten Jahr geändert worden war und die populäre Mittelstrecke nun 45 Kilometer statt nur 38 Kilometer im Vorjahr umfasste. Mir persönlich hätten ja die 38 Kilometer auch gereicht und die Strecke fand ich auch okay, aber mich hatte leider niemand nach meiner Meinung gefragt.

Als der Startschuss schließlich gefallen war begann für mich das gefühlt härteste Rennen in meiner mittlerweile dreijährigen Rennkarriere. Hatte ich bereits im vorherigen Rennen bemerkt, dass mein Körper nicht auf 100% lief, so fühlte ich mich heute völlig kraftlos. Bereits in den ersten Anstiegen pochte das Laktat in meinen Beinen, der Puls war astronomisch hoch und ich klang vermutlich wie Darth Vader beim Joggen. Von meinem eigentlich Lenkproblem merkte ich im Eifer des Gefechts nicht mehr viel. Ich hatte ganz andere Probleme. Die Strecke verlief gelinde gesagt wellig, um nicht zu sagen sehr bergig. Die Anstiege zogen sich meistens über mehrere Kilometer hin, es folgten knackige, anspruchsvolle Bergab-Passagen gefolgt von dem nächsten Berg. Normalerweise sage ich über mich selbst, dass mir die Anstiege liegen und ich meine Stärken am Berg sehe. Ich hoffe niemand, zu dem ich das jemals gesagt habe, hat mich an diesem Sonntag fahren sehen.

Trotzdem hatte ich länger die einzige Frau vor mir im Blick und war mal näher, mal weiter von ihr weg. Doch bei Kilometer 20 ist dann alles vorbei: Mir ist schwindelig und ich drohe zu kollabieren. Als ich dann auch noch keine Luft mehr bekomme, muss ich absteigen und mich erst einmal hinsetzten. Zwei Fahrer begleiten mich zu den nahen Streckenposten, die praktischerweise das Rote Kreuz stellt, und übergeben mich den Sanitätern.

Nach 15 Minuten und 2 Litern Wasser geht es mir besser. Und obwohl ich weiß, dass bei mir heute nichts mehr zu machen ist, will ich weiter fahren. Also fahre ich wieder los, irgendwo im allerhintersten Teil des Feldes. Der Vorteil dort ist übrigens, dass das Tempo sehr viel angenehmer ist. Doch auch langsam sind die Berge steil, die Abfahrten kraftraubend und der Kampfgeist dahin.

Und irgendwann kommt dann doch tatsächlich das Ziel in Sicht. Ich bin zufrieden, dass ich es ins Ziel geschafft hab. Ich bin schockiert über meinen Kollaps. Und ich bin total am Ende. Doch auch das legt sich nach zwei Litern Zuckern und Coffein, sowie einigen Umarmungen. Als die Ergebnislisten ausgehängt werden bin ich überrascht, das ich nicht nur nicht letzte Dame geworden bin, sondern noch den 3. Platz bei den Damen herausgefahren habe.



Man sagt ja, bei den härtesten Rennen lernt man am meisten. Wenn das so ist, dann habe ich vermutlich jetzt meinen Doktor gemacht.

Trotzdem ist dieses Rennen für mich nicht ohne Konsequenzen geblieben. Ein Arztbesuch bestätigt mir, dass es nicht am Training oder an der Motivation liegt, sondern an einem Virus, der meinen Körper schwächt. Im Klartext heißt das: mindestens 6 Wochen schonen.

Und danach werde ich mit dem Doktor in Motivationslehre wieder durchstarten!

 Keep on riding,

Evelyn








Montag, 18. Juli 2016

Keiler-Marathon in Wombach: Auf Wildschweinjagd in Bayern

Da der Austragungsort des Keiler-Marathons geographisch einige Stunden Fahrtzeit von der Heimat entfernt lag, beschlossen wir, bereits entspannt am Vortag anzureisen. Der Anreisetag fiel ungünstiger Weise auf den hessischen Ferienbeginn, weshalb wir uns die Autobahn mit vielen Reiselustigen teilen mussten. Die Ferien dauern 6 (!) lange Wochen – wieso starten alle Menschen schon direkt am letzten Schultag in den Urlaub?! Es trug sich also zu, dass sich die Fahrtzeit insgesamt etwas ausdehnte. Diese Zeit konnte aber gut für weitere Rennplanungen, taktische Abläufe und diverse organisatorische Konzeptionen genutzt werden. Je näher wir dem Zielort kamen, desto bayrischer wurde es. Als uns dann ein grüner Streifenwagen der Polizei begegnete, waren wir uns sicher: Wir haben die Landesgrenze zu Bayern überschritten. Den restlichen Abend nutzten wir zur Erkundung der Stadt, der Suche nach dem Main, zum Auffüllen der Kohlenhydratspeicher und zum kulturellen Austausch.
 
So erfuhren wir beim Abendessen, dass man die Einwohner keinesfalls als Bayern, sondern als Unterfranken zu bezeichnen hat. Man lernt nie aus. J Eines fiel bereits auf: Von jedem Sonnenschirm, an jedem Gasthaus und einfach überall blickte man in das Gesicht eines fröhlichen Keilers. Doch dazu später mehr…
 
 
Am nächsten Morgen hieß es dann endlich: Raceday! Die Sonne strahlte bereits vom wolkenlosen Himmel und die Temperaturen erfreuten mit sommerlicher Wärme. Am ausgewiesenen Parkplatz angekommen, stellten wir fest, dass von dort einige Kilometer Fußmarsch bis zur Anmeldung sowie dem Start-Ziel-Bereich zurückzulegen wären.
Eine andere Lösung musste also her, die einige leicht dramatische Szenarien mit sich brachte.
Doch wie wir letztlich noch zu einem VIP-Parkplatz in unmittelbarer Nähe des Startbogens kamen, soll an dieser Stelle nicht genauer erläutert werden. J
 
Beim Abholen der Startunterlagen holte mich dann der Anblick des Keilers wieder ein. Hatte sich doch eine ganze Wildschweinfamilie (aus Plüsch natürlich) auf dem Siegertreppchen drapiert. Der Hauptsponsor der Veranstaltung, die Keiler-Brauerei in Lohr stellte die plüschigen Zeitgenossen als Gewinn für die schnellsten Fahrerinnen und Fahrer zur Verfügung. Mein Ziel war gesetzt: Ich will unbedingt so einen Keiler. Dies setzte natürlich voraus, dass ich ein „sau“-gutes und „sau“-schnelles Rennen abliefern muss.
Motiviert stellte ich mich in der Startaufstellung schon einmal in die vordere Reihe, um die Jagd auf das Wildschwein zügig beginnen zu können. Der Moderator verlas bis zum Startschuss die Favoritinnen – ich wurde nicht erwähnt. Naja gut, hier in Bayern – stopp: Unterfranken – kennt mich keiner. Das Führungsfahrzeug bildete ein Pick-Up der Keiler-Brauerei mit der Aufschrift „Sau on Tour“, welcher bis kurz vor dem ersten lange Anstieg das Feld neutralisierte. Der erste Anstieg hatte es sogleich in sich und ließ den Laktatspiegel in den Beinen bereits nach oben schießen. Ich verlor den Überblick im Feld und wusste nicht an welcher Position ich mich befand. Der Streckenposten bei Kilometer 8 rief mir zu, dass ich die erste Frau sei und ich war überrascht. So war ich mal wieder die Gejagte – also kein Blick zurück und das Tempo hoch halten.
 
Die Strecke war schön und anspruchsvoll oder auch schön anspruchsvoll. Es gab steinige Trails gespickt mit vielen Wurzeln, die die Fahrtechnik ordentlich forderten. Das Rennen verlief bei mir wie im Flow – ich hatte zwar ständig das Gefühl, dass sich eine andere Dame von hinten näherte, drehte mich aber nicht um. Die Führung wollte ich mir ungern nehmen lassen und so kämpfte ich mich die Anstiege zügig hinauf und die Trails hinunter. Schneller als erwartet kam dann schon das Ziel in Sichtweite. Beim finalen Zielanstieg ging es bereits an vielen Zuschauern vorbei und ich wurde als Gesamtsiegern angekündigt. Ein unbeschreiblich tolles Gefühl! Es war ein sehr flüssiges Rennen für mich und ich habe es sehr genießen können. Definitiv ein „Race to remember“. Bei der Siegerehrung konnte ich dann den Keiler in Empfang nehmen - ein origineller und schöner Preis, der mich nun immer an diesen Tag erinnern wird.
 
 
Liebe Veranstalter: Der Keiler-Marathon ist super Event mit toller Strecke. Eine der schönsten Marathonstrecken, die ich je gefahren bin. So hoffe ich doch, dass es im nächsten Jahr einen 21. Keiler-Marathon gibt! Schließlich möchte ich meine plüschige Wildschweinfamilie noch vergrößern. J
 
 
 
Ein großes Dankeschön an die Person, die nicht nur mein Lieblingsmensch, sondern auch mein Co-Trainer, Mechniker, Physiotherapeut, Betreuer und Fotograf ist - ohne dich würde das alles nicht so gut laufen und auch nur halb so viel Freude machen. 
 
 
Keep on riding,
Vanessa
 
Zitate des Tages:
„Bei einem Defekt oder so – mach´ es wie Chris Froome: Lauf einfach los!“
„Sind wir jetzt in Bayern?“
„Ist ja alles richtig bayrisch auf einmal.“
„Du bist Sportler, das habe ich dir schon im Gesicht angesehen.“
„Wir sind UNTERFRANKEN! Keine Bayern.“
„Wo geht es denn zum Main?“
                „An der Kirche vorbei und dann rund 350 Meter Richtung Würzburg.“
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Dienstag, 12. Juli 2016

Doppeltes Defektpech - der seltsame Marathon in Neuhaus

Ein Sonntag wie jeder andere. Nach einer schlaflosen Nacht, dem damit einfachen Aufstehen um 6 Uhr und dem anschließenden hektischen Verpacken aller nötigen Rennutensilien mache ich mich um kurz nach halb 8 auf den Weg nach Neuhaus. Der nächste Renntag steht für mich an, ein Marathonrennen im heimischen Solling. Aus diversen Gründen bin ich für meine Verhältnisse deutlich später als Üblich am Ort des Geschehens, was alle, die mich kennen, bereits zu der Annahme veranlasst, ich würde heute wohl nicht am Start stehen. Doch trotz meiner sehr dunklen, verspiegelten Sonnenbrille werde ich schnell erkannt und in die üblichen Fachsimpelei vor dem Rennen verstrickt. Was zur Folge hat, dass sich mein Zeitproblem nicht verbessert und ich zunehmend in Hektik ausbreche. Und das dann der Reißverschluss meines Trikots streikt ist auch nicht sonderlich hilfreich. Oder dass ich erst jemanden suchen muss, der bei meinem Hinterrad noch etwas Luft nachpumpt. Oder dass ich die Heckklappe meines Wagens offen stehen lasse, als ich diesen sorgfältig abschließe. 

Ich hatte mir ganz fest vorgenommen, mich ausgiebig und lange warm zu fahren. Daraus werden dann 5 Minuten, ein 3,5 minütiger Fotostop mit meinen beiden Lieblingsrennkollegen inbegriffen. Nach einem letzten, obligatorisch notwendigen Besuch der sanitären Anlagen habe ich schließlich ein echtes Problem: Der Reißverschluss meines Trikots ist kaputt, mein Trikot flatterte also offen. Was jetzt?
Und dann muss ich auch noch feststellen, dass sich der Großteil der Teilnehmer bereits im Startblock befindet und ich nun keine Chance mehr auf eine vernünftige Ausgangssitution habe. So müssen Dani und ich uns im Mittelfeld des Startblocks platzieren. So, jetzt blieb noch das Trikot Problem. Kurzerhand ziehe ich mich im Startblock um, sodass man unter meinem Trikot wenigstens nicht die Träger meiner Radhose sieht. Danach fixierte ich den Reißverschluss noch mit drei Haargummis. So machen das die Profis...

Viel zu schnell fällt der Startschuss. Das Feld brettert los und nimmt den ersten langen Anstieg in Angriff. Ich merke bereits jetzt, dass meine Beine heute lieber zuhause geblieben wären. Aber ich habe ja Dani und Tobi, die mich mitziehen. Gemeinsam erklettern wir die erste Rampe, surfen durch die Trails und ziehen uns an den Anstiege gegenseitig.

Nach gut 15 Kilometern geht es einen schlammigen Trail bergauf und ein paar Fahrer schieben sich zwischen mich und meine Motivationsgruppe. Ich quäle mich nach und nach bergauf, bis ich irgendwann nicht mehr weiter komme. Das kann doch nicht sein, so steil ist der Berg doch nicht. Ein Blick auf mein Hinterrad und der Grund ist klar: mein Reifen ist platt. Ganz ruhig, so schwer kann das ja nicht sein, immerhin habe ich das nötige Equipment parat. Ich habe gerade mein Hinterrad ausgebaut als ein Fahrer neben mir hält und mich freundlich fragt, ob ich Hilfe brauche. Und so sitze ich nach 15 Minuten wieder auf dem Bike und starte die Aufholjagd. Allerdings bin ich nun gefühlt so oder so von jedem anderen Fahrer überholt worden und muss mich jetzt wieder allein durchschlagen. Bergab, Bergauf, Schotterstraße, Trail und immer wieder lange Anstiege. Ich mache besonders am Berg einige Plätze gut und meine Motivation potenziert sich bei jedem Überholvorgang. Nach einer längeren Schotterabfahrt bemerke ich allerdings ein verräterisches Flattern am Hinterrad. Und Tatsache: der zweite Platten des Tages, nach 35 Rennkilometern. Gedanklich hake ich das Rennen bereits ab, denn einen zweiten Schlauch habe ich nicht mehr dabei und es liegen noch 10 Kilometer vor mir. Ich steige ab und überlege, wie ich denn nun am schnellsten wieder zurück zu meinem Auto komme. Ich entschließe mich der Strecke zu folgen und den nächsten Streckenposten um Hilfe zu bitten. Doch wieder hält kurz darauf ein Fahrer an und bietet mir Hilfe, und was noch besser ist, einen 26er Schlauch an. Keine 10 Minuten später sitze ich wieder auf dem Bike und starte in die letzte Passage.


So komme ich nach über 2,5 Stunden endlich im Ziel an. Überraschenderweise hat es dennoch zum 2. Platz in meiner Altersklasse gereicht, wie auch immer ich das noch geschafft habe.




















Am Ende war es ein seltsamer Renntag. Auch ohne die beiden Defekte, die mich insgesamt eine gute halbe Stunde gekostet haben, hätte ich es heute im stark besetzten Feld schwer gehabt. Ein Riesen-Dankeschön an die beiden Fahrer, die mir bei meinen Defekten geholfen haben! Das war nicht selbstverständlich und ganz großer Sport!

Statt mich weiter über den Rennverlauf zu ärgern fasse ich also das nächst Etappenziel ins Auge: Der Ars Natura Marathon in Neumorschen am nächsten Wochenende.

Und bis dahin,

Ride on,

Evelyn


Zitate des Tages: 

"Jetzt weiß ich auch wieso du immer so viele Haargummis dabei hast!!"

"Trägt man das jetzt so oder ist dein Trikot einfach kaputt?"

"Klar hab ich einen Schlauch dabei, ich habe sogar 4 dabei! Einen 27,5er, zwei 26er und einen 29er. Ich bin auf alles vorbereitet!"